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Stadt im Traume. Kupferstichplan von und nach Leopold Paur, Wien, 1784. Bildausschnitt 64 x 93 cm, Blattgr. 65 x 94 cm.

auf Anfrage

Vergl. Österreichische Nationalbibliothek, 50 Zimelien der Kartensammlung, Nr. 44. Leopold Paur (geb. bei Altenburg bei Horn in Niederösterreich am 15.11.1735, gest. 17.09.1800 als Advokat in Wien) träumte schon als Jugendlicher in der Ebene des Horner Beckens eine Stadt zu bauen, in der die Utopie vom friedlichen Zusammenleben aller Menschen unterschiedlicher Rassen, Nationen und Religionen verwirklicht werden sollte. Im Jahre 1783 trat er mit seiner Idee an die Öffentlichkeit und versprach dem Architekten, der den besten Plan entwerfen werde, einen hohen Geldpreis. Am 25. Juli 1784 kündigte er das Erscheinen vorliegenden Plans an. Die Stadt sollte vorerst aus 856 Häusern bestehen, nach einheitlichem Vorbild um Klassenunterschiede zu verhindern, ebenso sollten alle Tempel gleich aussehen. Der geplante kosmopolitische Charakter der Stadt kommt auch durch die Namen der Plätze und Häuser zum Ausdruck: Forum Moscoviticum, Forum Indicum, Forum Sinicum, Tunis, Tripolis, Neapel, Peking, Berlin, Paris, u.v.m. Natürlich wurde diese erschreckend neue Idee von seinen Zeitgenossen entsprechend abfällig beurteilt. Finanziert werden sollte die Stadt (Paur rechnete mit Anfangskosten von 86 Mio Gulden) durch ein noch zu entdeckendes Mittel gegen Syphilis, für das jeder Mensch auf der Erde 20 Kreuzer zahlt. Das Mittel wurde nie gefunden, so blieb die Stadt ein Traum. „Betrachtet man Leopold Paur nicht als Scharlatan, sondern sieht seinen Entwurf als Ausdruck philantopisch-toleranter und kosmopolitischer Gesinnung, so kann diese Utopie in folgende Zusammenhänge eingeordnet 42 werden: Geometrie als wichtiger aus der Antike übernommener Bildungsinhalt, auf Antike und Renaissance zurückgehende Planungen idealer Städte (Palmanova oder Karlsruhe), Sozialutopien (Thomas Morus’ Utopia oder Francis Bacons Nova Atlantis) sowie Insel- bzw. Staatsromane als Kritik an der europäischen Zivilisation, aufklärerisch tolerante Haltungen aus der Freimauerei, wo auch Symbole, Zahlen, Geometrie eine wichtige Rolle spielen.“ (Öst. Nationalbibliothek).

Der Wiener Kulturhistoriker Gustav Gugitz entdeckte im 20 Jhdt. den in Vergessenheit geratenen Plan und veröffentlichte im Bilderlexikon, Bd. Kulturgeschichte, Wien 1928, einen kurzen Artikel (mit Tafel). Ihm war nur 1 Exemplar des Stichs (in den Sammlungen der Stadt Wien, nach 1945 nicht mehr auffindbar) bekannt, heute kennen wir noch 4 weitere Exemplare (in der Albertina, in der niederösterreichischen Landesbibliothek, im Krahuletz-Museum in Eggenburg und seit einigen Jahren auch in der  österreichischen Nationalbibliothek, angekauft im Rahmen der 17. Internationalen Antiquarsmesse Wien, 1998, Katalog p. 20 und Tafel 6).

Die bekannten Exemplare unterscheiden sich alle von dem hier vorliegenden Exemplar in mehreren Details, was die Vermutung nahelegt, dass dies Paurs eigener Plan war, den er nach einer Veränderung der Kupferplatte drucken ließ. Neben einer Widmung für Kaiser Joseph II. ist es ein hebräisches Zitat aus dem Buch Esther, das besondere Beachtung verdient: „Und der König sprach: Was für Ehre und Würde haben wir dafür Mordechai zuteil werden lassen? Da sprachen die Knechte des Königs, die ihm dienten: Man hat ihm gar nichts gegeben! (Est. 6/3)“. Paur sah sich wohl als Retter seines Volkes (der Menschheit), dem aber nicht gedankt wurde.
Schönes Exemplar , kleine Randbeschädigung, Faltung geglättet, Bildseitig sehr gut erhalten. Der seltene Kupferstich der Stadt im
Traume in einer wohl einzigartigen Variation.

Literatur:

  • Österreichische Nationalbibliothek, 50 Zimelien der Kartensammlung, Nr. 44. online
  • Blaschitz, Edith: Wunder für 20 Kreuzer. In: Die Presse [Spektrum], 12.07.2003. online
  • Katalog der 17. Internationalen Antiquarsmesse Wien 1998, p. 20 und Tafel 6
  • Bilderlexikon der Erotik; Band 1: Kulturgeschichte, Wien 1928
  • Rabl, Erich: Eine Stadt und ihre Herren. Puchheim – Kurz – Hoyos. Horn 1991
  • Verein für Landeskunde von Niederösterreich und Wien: Unsere Heimat, Heft 5/6, Wien 1948

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